Josef Beuys (1921-1986)
Der Mensch muß wieder nach unten mit den Tieren, den Pflanzen, der Natur und nach oben mit den Engeln und Geistern in Beziehung treten. [1]

Josef Beuys

1921 am 12. Mai in Krefeld geboren. Kindheit in Rindern und Kleve. Enge Beziehung zur niederrheinischen Landschaft. Identifiziert sich mit Schafhirten. Überdurchschnittlich gute Kenntnisse in den naturwissenschaftlichen Fächern (Zoologie, Botanik, Chemie, Physik). Interesse an Literatur: Goethe, Schiller, Novalis, Hölderlin; an Kunst (Bildhauer Lehmbruck, Maler Munch und Leonardo da Vinci); an Musik, er spielt Klavier und schätzt das Werk von Satie und Richard Strauss. Schon während der Schulzeit interessieren ihn existentielle und anthroposophische Fragen.
1940 Abitur am Gymnasium Kleve. Berufswunsch: Kinderarzt.
1941 Ausbildung zum Funker durch den späteren Tierfilmer Heinz Sielmann. Während der Ausbildung Gasthörer an der Universität in Posen: Zoologie, Biologie, Geographie. Krieg wird zum Bildungserlebnis. Ausbildung zum Sturzkampfflieger.
1941-1944 Einsätze in Rußland, Rumänien, Ungarn und Kroatien. 1943 von russischer Flak abgeschossen. Es gelingt ihm, hinter die deutsche Linie zu kommen. Schneesturm bringt das Flugzeug zum Absturz. Sein Gefährte ist tot. Er überlebt schwerverletzt. Tataren finden ihn und pflegen den meist Bewußtlosen. Reiben ihn mit Fett ein und wickeln ihn in Filz. Bitten ihn, bei ihnen zu bleiben.
1944-1945   Einsatz bei der "Gespensterdivision" in Holland und Norddeutschland.
1945 Britische Kriegsgefangenschaft. Seine Pflanzenkenntnisse helfen ihm den großen Hunger zu stillen.
1947-1952 Ausbildung zum Bildhauer an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf. Sein wichtigster Lehrer ist Ewald Mataré. Später wird Beuys Meisterschüler.
1953 13. Februar - 15. März erste Einzelausstellung im Haus der Gebrüder van der Grinten in Kranenburg mit Zeichnungen, Holzschnitten und Plastiken. Die Brüder - noch Schüler - lernten Beuys bei ihrem Englischlehrer kennen und unterstützen ihn fortan regelmäßig mit einem Teil ihres wöchentlichen Taschengeldes. Dafür erhalten sie Arbeiten von ihm. Diese bilden die Grundlage des ab diesem Jahr in Schloß Moyland am Niederrhein gezeigten Beuyskomplexes.
1955/1957 Krisenjahre. Starke Depressionen. Heilung durch Aufenthalt auf dem Bauernhof van Grinten und die Arbeit auf dem Feld.
1959 Heirat mit Eva Wurmbach, Tochter eines Zoologieprofessors.
1961 Ernennung zum Professor für Bildhauerei an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf. Umfangreiche Ausstellung im Museum Koekkoek in Kleve. Es erscheint die erste Publikation.
1963 Fluxusaktivitäten.
1964 Teilnehmer an der documenta III in Kassel.
1965 Performance am 26. November Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt.
1968 Teilnehmer der documenta IV.
1969 Performance Iphigenie/Titus Andronicus auf der Experimenta III in Frankfurt a. M.
1972 Permanente Diskussion während hundert Tagen auf der documenta V zwischen Beuys und Besuchern. Wird am 10. Oktober als Hochschullehrer fristlos entlassen. Kündigung war unrechtmäßig.
1974 Aktion Coyote in New York.
1976 Environment Zeige deine Wunde in München.
1977 Teilnahme an der documenta IV in Kassel mit der Honigpumpe.
Einrichtung der Freien Internationalen Universität (FIU) für Kreativität und interdisziplinäre Forschung e.V. und einer Partei für die Tiere.
1980 Große Retrospektive im Guggenheim-Museum in New York. Es folgen laufend Ausstellungen, Ankäufe, Preise und Auszeichnungen für Beuys.
1985 Beuys installiert im Schloß Capodimonte in Neapel seine letzte Skulptur Palazzo Regale.
1986 Am 12. Januar nimmt Beuys den Lehmbruck-Preis der Stadt Duisburg entgegen und hält hierbei seine letzte Ansprache. Er stirbt am 23. Januar.
1997 wird Schloß Moyland am Niederrhein eröffnet. Zeigt die Werke, welche die Gebrüder van der Grinten von Beuys erworben haben.

Die wesentlichsten Aspekte der Beuys’schen Auffassungen und Intentionen lassen sich zusammenfassen:

  1. Jeder Mensch ist ein Künstler das heißt, in jedem Menschen ist ein Potential an Kreativität vorhanden. Als Künstler lebt der Mensch, sobald er dieses kreative Potential - in welchem Lebensbereich auch immer - entfaltet.
  2. Unter Kunst wird daher nicht in spezifischer Weise die Tätigkeit des Kunstschaffenden, sondern im Sinne eines erweiterten Kunstbegriff’s jedes schöpferische Tätigwerden verstanden.
  3. Die gesellschaftlichen Verhältnisse in den hochentwickelten Gesellschaften in Ost und West sind durch die Dominanz eines die Menschen voneinander isolierenden Rationalismus und Materialismus gekennzeichnet. Deren Entwicklung stellt zwar einen menschheitsgeschichtlichen Fortschritt dar, doch ist dieser einseitig und bedarf einer komplementären geistigen Entwicklung, wenn seine Konsequenzen nicht tödlich für den Menschen sein solIen.
  4. Die Befreiung und Entwicklung der in den Menschen durch die gesellschaftlichen Verhältnisse unterdrückten oder verschütteten geistigen und seelischen Energien ist die entscheidende Voraussetzung aller gesellschafIichen Veränderungen.
  5. Alle Aktionen haben zum Zweck, geistige und seelische Energien zu wecken und Anstöße für kreatives Handeln zu geben.
  6. Beuys’ Aktionen sind Arbeiten an der sozialen Plastik, d.h. Vorarbeit für die Herstellung gesellschaftlicher Verhältnisse, die im Sinne des von Rudolf Steiner entwickelten Prinzips der "Dreigliederung des sozialen Organismus" durch freies Geistesleben in der kulturellen Dimension, durch Gleichheit vor dem Recht und Selbstverwaltung in der politischen Dimension, sowie durch Brüderlichkeit in Produktion und Verwaltung in der wirtschaftlichen Dimension gekennzeichnet sein soll.

Auszug aus dem Gründungsmanifest zur FIU (Freie Internationale Universität)

Kreativität ist nicht auf jene beschränkt, die eine der herkömmlichen Künste ausüben, und selbst bei diesen ist sie nicht auf die Ausübung der Kunst beschränkt. Es gibt bei allen ein Kreativitätspotential, das durch Konkurrenz- und Erfolgsaggression verdeckt wird. Dieses Potential zu entdecken, zu erforschen und zu entwickeln, soll Aufgabe der Schule sein.

Die verschüttete Kreativität wird weniger mit dem Verstand als viel eher durch Intuition, Inspiration und Imagination entdeckt:

In seinen Aktionen tritt Joseph Beuys als Schamane auf.

In seiner Beziehung zur unbelebten und belebten Natur knüpft Joseph Beuys an totemistisches Wissen und totemistische Vorstellungen an.

Antonia Reichmann
[1] Joseph Beuys zitiert nach Stachelhaus, S 87.
Empfohlene Literatur: Heiner Stachelhaus, Joseph Beuys, Düsseldorf 1996, 16.90 Mark ISBN 3-612-26230-0