Der Codex Leicester - Leonardo da Vinci : Josef Beuys

Der Codex Leicester - Leonardo da Vinci : Josef Beuys

Museum der Dinge, 30.1. - 19.3.2000
Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstr. 7, 10963 Berlin
(Di-So 10 - 20 Uhr, Eintritt DM 10,-/erm. 6,-; je ein Katalog zu Leonardo und Beuys)

Nach dem Münchner Haus der Kunst ist Berlin die zweite (und letzte) Station in Deutschland der Wanderausstellung des Codex Leicester von Leonardo da Vinci. Nach dem Wunsch seines Besitzers, dem Microsoft-Gründer Bill Gates, der den wertvollen Codex für 20 Millionen Dollar ersteigerte, soll er in den verschiedensten Städten der Welt gezeigt werden, damit das Publikum und insbesondere die Jugend sich vom Forscherdrang und der Wissbegierde, die das Renaissance-Genie auszeichnete, anstecken und anregen lassen möge.
In der Tat sind die 18 mit Leonardos Überlegungen zu naturwissenschaftlichen Phänomenen gefüllten Blätter eine Quelle des Wissens und der Inspiration - mit vielen Ideen war der Künstler seiner Zeit weit voraus und versetzt uns heutige, doch eigentlich restlos aufgeklärte und von modernster Technik durchdrungene Menschen noch ins Staunen. Sich darauf einzulassen, bedarf aber Zeit und Geduld - das Katalogstudium eben. Aber selbst wer es mit der Wissenschaft nicht so genau nimmt, wird fasziniert sein von den eng in Spiegelschrift beschriebenen, mit Skizzen und Zeichnungen versehenen zarten Blättern, die hinter Glas und aus konservatorischen Gründen nur spärlich beleuchtet, wie in einem Tempelheiligtum dem Besucher im Museum der Dinge präsentiert werden.

Die Codex Leicester, entstanden zwischen 1506 und 1510, ist das einzige Manuskript Leonardos, das sich heute in Privatbesitz befindet. Alle anderen der noch erhaltenen Handschriften werden in Bibliotheken bzw. Museen aufbewahrt. Jahrhundertelang im Besitz der Familie Leicester, nach der er benannt ist, gelangte er in den 80er Jahren an einen amerikanischen Geschäftsmann und hieß von da an Codex Hammer, bevor ihn schließlich Bill Gates ersteigerte und ihm seine ursprüngliche Bezeichnung zurückgab.

Speziell für die deutschen Stationen wurde der Codex mit 96 Zeichnungen von Joseph Beuys gekoppelt. Der Bogen spannt sich so vom "Universalgenie der Renaissance" zu einem der innovativsten Künstler der Gegenwart. Mit seinem Ansatz, Kunst und Gesellschaft zu verknüpfen, ist er sicher einer der visionärsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Daß Beuys den Aufzeichnungen Leonardos gegenüber gestellt wird, hat auch einen mehr oder weniger direkten Bezug: Zwar nicht zum Codex Leicester, aber zu zwei anderen bedeutenden Handschriften da Vincis, den nach ihrem Aufbewahrungsort benannten Codices Madrid. Diese gerieten durch den Signaturfehler eines Archivars für Jahrhunderte in die Versenkung der Spanischen Nationalbibliothek und erst 1965 erfolgte ihre spektakuläre Wiederentdeckung. Die Bekanntmachung des Fundes 1974 geriet zu einer weltweiten Sensation und war der Anlaß für Beuys, sich damit auseinanderzusetzen. Der Faszination, die Leonardos Überlegungen heute noch ausüben, versuchte sich der Künstler auf seine eigene, sehr individuelle Art zu nähern: "Ich stellte mir vor, wie Leonardo heute Technologie zeichnen würde, wenn er jetzt lebte." Das Bestreben, eine Einheit zwischen Kunst, Kultur, Natur, Wissenschaft und Mensch (und damit Gesellschaft) herzustellen, ist dabei ein wichtiges Bindeglied.

Der Inhalt des Codex Leicester ist zum Großteil das Wasser und der von ihm durchzogene Körper der Erde, daneben aber auch Phänomene der Himmelskörper, Geologie und Paläontologie. Warum Leonardo den Codex in Geheimschrift (in Spiegelschrift) schrieb, ist nicht eindeutig zu klären. Einerseits war es für ihn als Linkshänder generell einfacher zu bewerkstelligen, als für einen Rechtshänder, auf der anderen Seite ist es gut möglich, daß er seine revolutionären, ja in den Augen der Kirche ketzerischen Entdeckungen dem Zugriff fremder Augen entziehen wollte. Auf alle Fälle jedoch ist überliefert, daß das Universalgenie die Geduld des Papstes, der ihn nach Rom geholt hatte, auf eine harte Probe stellte: Anstatt für ihn zu malen, lebte Leonardo nach seinem eigenen Rhythmus und widmete sich den absonderlichsten Studien:

Oftmals ließ er die Därme eines Hammels so fein ausputzen, daß man sie in der hohlen Hand hätte halten können. Diese trug er in ein großes Zimmer, brachte in einen angrenzenden Raum ein paar Schmiedeblasebälge, befestigte daran die Därme und blies sie auf, bis sie das ganze Zimmer einnahmen und man in eine Ecke flüchten mußte. … Dergleichen Torheiten betrieb er sehr viele…
wußte Vasari über ihn zu berichten (Ausstellunskatalog, S. 15). So sehr Leonardos Zeitgenossen über ihn den Kopf schütteln mochten, so sehr bewundern wir ihn heute für diesen Forscherdrang, die Innovation und Scharfsinnigkeit seiner Beobachtungen, die gleichrangig neben seinem künstlerischen Schaffen stehen.
Die Austellung läd zu diesen Entdeckungen ein - nicht zuletzt durch den Nachbau einiger der Experimente Leonardos und eine CD-Rom, die die Möglichkeit bietet, den Codex digital zu lesen und nach Themen abzusuchen, wahlweise in Deutsch, Italienisch und in Spiegelschrift.
Birgit Wolf