Sigmar Polke
 

Sigmar Polke

1941 in Oels (Niederschlesien) geboren.
Mit 12 Jahren Übersiedlung nach Westdeutschland.
Glasmalerlehre.
1961-1967 Kunstakademie Düsseldorf.
Schüler von Karl Otto Götz und Gerhard Hoehme.
1977-1991 Professur an der Hochschule für bildende Kunst in Hamburg.
1986 für die Bundesrepublik Deutschland auf der XLII. Biennale in Venedig. Goldener Löwe für seine Installation Anthanor.
1991/1992 große Retrospektive in den USA.
1997/1998 große Retrospektive in Bonn und Berlin.

Seltsam aber wahr: für Polke ist ALLES von Wichtigkeit [1]

Das Grimmsche Märchen Der Hase und der Igel muß Polke inspiriert haben. Dort gewinnt der kurzbeinige Igel mittels einer List einen Wettlauf mit dem langbeinigen Hasen. Der schlaue Igel schickt seine Frau mit ins Rennen. So hat der Hase keine Chance. Wir die Kunstrezipienten, sind in der undankbaren Rolle des Hasen. Wenn wir glauben Polke verstanden zu haben, wartet er mit einer neuen Idee, neuem Material oder einer neuen Technik auf. Polke ist Clown und Spieler zugleich. Er liebt den Rollentausch und das Spiel. Er spielt mit Bedeutungen, mit Worten, mit Kategorien (Jakob/Schuster). Offenheit und Entwicklung erhebt er zu seinem künstlerischen Prinzip.

In Auseinandersetzung mit der amerikanischen Pop-art erhob er die Motive der westdeutschen Konsumgesellschaft zu seinen Bildthemen (vgl. Plastik-Wannen 1964). Zeitgleich entstanden die ersten Rasterbilder nach Vorlagen von Zeitungen, Plakaten und Broschüren. Die trivialen Motive löste er durch Rasterung auf und verfremdete sie. In diesem Zusammenhang ist das vielzitierte Statement Polkes angesiedelt: Ich liebe alle Punkte, mit vielen bin ich verheiratet. Ich möchte, daß alle Punkte glücklich sind.

Nur wenige Jahre später (1969) wechselt er vom Rasterpunkt zur Parapsychologie und zu Bildern wie: Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!

Polke bereicherte die deutsche Kunstszene nicht nur durch seine vielseitige Motivwahl, sondern auch durch unterschiedliche Bildträger und Materialien. Er verwendet neben Leinwand, Stoffdecken, Dekorationsstoffe, transparente Kunststoffgewebe und vieles andere mehr. Diese werden mit Ölfarben, Lacken, Kunstharzen, Sprayfarben, Pigmenten, Chlorkautschuk und anderen Werkstoffen bearbeitet.
Er bedient sich aus der Kunstgeschichte (vgl. Dürer-Hase 1968) ebenso wie aus der Politik (vgl. Hochsitz 1984, Flüchlingslager 1994)
In den 80er Jahren näherte sich seine Malerei den alchimistischen Versuchen spätmittelalterlicher Goldmacher. Er experimentierte mit der Farbe; ließ verschiedene chemische Substanzen auf dem Bildträger reagieren und provozierte unvorhersehbare Reaktionen. Hierbei wurde der Zufall zum malerischen Prinzip erhoben.
In Handtücher 1994 beschränkte sich seine Tätigkeit auf das Aussuchen und Zusammennähen von 16 Handtüchern zu einer Bildfläche von 300 auf 225 Zentimetern.

Antonia Reichmann
[1] Barbara Reise, Wer … Was … ist Sigmar Polke, in: Sigmar Polke, Zürich und Köln 1984, S. 48