Christian Schad (1894-1982)
Mittelpunkt meiner Arbeit war und ist der Mensch. Wirklich Menschliches ist ohne Norm [1]

Christian Schad, eine späte Entdeckung

26.11.1997 - 1.2.1998: "Christian Schad (1894-1982) - Retrospektive" im Lenbachhaus in München

Heute als Maler ein Hauptmeister der Neuen Sachlichkeit, ein wichtiger Dadaist, ein Pionier der künstlerischen Fotographie, ein extremer Pazifist, ein früher Europäer, ein Neugieriger.

Christian Schad gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Neuen Sachlichkeit, einer um 1922 einsetzenden künstlerischen Richtung in Deutschland, die im Gegensatz zum Expressionismus wieder das objektive Dasein der Gegenstände erfassen wollte. Der Name Neue Sachlichkeít wurde 1923 von Hartlaub geprägt. Die erste zusammenfassende Ausstellung fand 1925 im Mannheim statt, Schad war dort nicht vertreten, er war damals in Deutschland noch unbekannt. Die starke Betonung der Gegenstände unter Ausschaltung von Licht- und Schattenwirkungen macht oft den Eindruck eines Beschwörens der Dinge im Raum, daher wird diese Kunstrichtung auch als magischer Realismus bezeichnet. Verwandt damit ist der Verismus, eine ebenfalls extrem naturalistische Darstellungsweise, die aber im Gegensatz zur Neuen Sachlichkeit häufig Sozialkritik übt.

Das ist sein Rang als Maler, den er besitzt. Ferner ist er, was weniger bekannt ist, ein Dadaist. Zeitgleich mit Hans Arp schuf er um 1920 bemalte Holzreliefs, die denen seines bekannteren Künstlerkollegen in nichts nachstehen.

Sie bestehen aus zum Teil vierfach übereinander montierten dicken Holzplatten, die ein biederer Schreiner kopfschüttelnd nach meinen Anweisungen ausgesägt und verleimt hatte. Ich bemalte diese Reliefs … leuchtend bunt … und bestückte sie sehr plastisch mit allerlei 'kunstfremden' Gegenständen wie Metallketten, Tapeziernägeln, einer Messingrolle, über die Schnüre laufen, und Ähnlichem.
(Christian Schad, "Bildlegenden", S. 74 Katalog Lenbachhaus 1997).

Schad ist aber auch eine Schlüsselfigur der modernen künstlerischen Fotographie. Er ist der Erfinder der Schadographie (von Tristan Tzara nach ihm benannt), Fotographie ohne Kamera. Sie entstanden 1919 beim Experimentieren von gefundenen Gegenständen mit lichtempfindlichem Papier. Die Fundsachen bildeten sich auf dem damals gebräuchlichen Fotopappier unter der Einwirkung von Licht in einer ganz neune Wirklichkeit ab. Schad steht heute in jedem Standardwerk der Fotographiegeschichte als Endecker einer neuen Technik. Sein Freund Serner erkannte sofort das völlig Neuartige dieser Fotobilder und beschwor Schad, damit fortzufahren. Einige Jahre später haben auch El Lissitzky, Man Ray und Laszlo Moholy-Nagy in ähnlicher Weise gearbeitet.

Bei Christian Schad kann nicht von Wiederentdeckung gesprochen werden, weil er nie sonderlich bekannt gewesen war. Seine künstlerische Bedeutung wurde auf Grund des Einsatzes von Emilio Bertonati in Italien und Deutschland Ende der 60er erkannt. 1972 wurde er durch eine große Retrospektive im Palazzo Reale in Mailand geehrt. 1980 fand in Berlin eine umfassende Darstellung seines Werkes in der Staatlichen Kunsthalle statt.
Schad war nie darauf angewiesen, seine Bilder zu verkaufen. Seine großbürgerlichen Eltern unterstützten ihn bis Mitte der 30er Jahre. So flanierte er [Schad] malend durchs Leben (Katalog Lenbachhaus 1997, S.11)

Schads Werk beschäftigt sich, abgesehen von der Frühzeit, fast ausschließlich mit dem Portät. Präzise, psychologisch eindringlich sind seine Portäts, die schon früh als manieriert, kalt und künstlich kritisiert wurden. Aber stets wurde die techische Virtuosität gelobt. Sie beschreiben den Großstadtmenschen in der Periode zwischen den beiden Weltkriegen. Gerade das damals kritisierte, wird heute als das Besondere an seinem Werk, seinen Porträts geschätzt.

Schad: ein Götterliebling. Gut gewachsen, sehr gut aussehend, intelligent, selbstbewußt, sehr wohlhabend, verständnisvolle Eltern. Er sucht seinen Weg. Vor dem Abitur geht er von der Schule ab. Er studiert Malerei an der Münchner Akademie bei Zügel und Becker-Gundahl. Den Impressionismus mag er nicht, er ist ihm zu ungenau. Den einzigen Künstler des 20. Jahrhunderts, den er gelten läßt, ist Picasso. An dessen kubistischer Phase orientiert er sich. Porträts auch Selbstprorträts in Grisaillemanier (nur mit weiß, schwarz und grau arbeitend) entstehen. Er entzieht sich dem Einberufungsbefehl in den Ersten Weltkrieg durch ein simuliertes Herzleiden (so auch dem Zweiten Weltkrieg). Er ist ein Einzelgänger. Bis Anfang der 30er Jahre gilt er als einziger ernstzunehmender deutscher Dandy, Ästhet und Nihilist. Er reist von München in die Schweiz, (ein befreundeter Arzt hatte zur Heilung seines Herzleidens ein sehr hoch gelegenes Sanatoruium verordnet). Erst nach Zürich in die Dadahochburg, dann nach Genf mit dem fünf Jahre älteren Schriftstellerfreund Walter Serner, mit dem er jahrelang eng zusammenlebt und arbeitet.
Sie reisen nach dem Krieg nach Italien erst nach Rom, dort malt er den Papst; dann nach Neapel. Hier entsteht Schads unverwechselbarer Stil des Porträts, vor allem das von Frauen. Nach der Heirat mit der Römerin Marcella Arcangeli siedelt er nach Wien über und bleibt dort bis 1928. Auch hier noch entstehen Phantasieproträts von neapolitanischen Frauen wie zum Beispiel Malfada: Die Frau ist nah, präsent und doch fern, sinnend; ihre Hand aufs Kinn gestützt.
In Wien hält er sich hauptsächlich in Adelskreisen auf. Seine malerischen Vorbilder sich die alten Meister allen voran Raffael, dessen Porträts seiner Gelieben La Fornarina ihn nachhaltig beeinflußt. Aber auch Grünewald, Dürer, Carpaccio, Bronzino und Pontormo stehen ihm nahe. Die Kunst ist alt und die alte Kunst ist oft neuer als die neue Kunst (Schad, Katalog Lenbachhaus 1997, S. 68).
Es folgt eine Übersiedlung nach Berlin, wo er bis 1943 bleibt. Das Großstadtleben mit seinen erotischen Freizügigkeiten ist Gegenstand vieler Ölbilder aber auch vieler Federzeichnungen, Radierungen und Lithographien. Die häufig farbig gespritzten Tuschfederzeichnungen zeigen Schad als Meister der tragischkomischen Alltagssituation.
1943 erhält er von der Stadt Aschaffenburg den Auftrag, die Stuppacher Madonna von Matthias Grünewald für die Stiftskirche zu kopieren, was ihn bis 1947 beschäftigt. Schads Bildlegende zur 1974/75 entstandenen kleinen Bettina lautet auszugsweise:

Ich arbeite gern mit Kindern. … Und bei manchen…, war der Kontakt augenblicklich da. Warum? Da könnte man viele Gründe nennen - und sicherlich sind es einige, die sich nicht formulieren lassen.
Aber wenn man Augen und Ohren offen hält, von Voreingenommenheiten sich nicht irreführen lässt und Freude hat am unbelasteten Geplapper der Kinder, dann kann man mit einer Welt bekannt werden, die dem ziemlich ähnich ist, wonach wir uns doch immer sehnen: die Freude an der Gegenwart.

Eine Ausnahme im Werk von Christian Schad stellt das Ölbild Operation, 1929 dar. Es ist dauerhaft im Lenbachhaus ausgestellt und ist ein mehrfiguriges Bild. Bei einer Berliner Abendeinladung lernte Schad einen Chirurgen kenne, der ihm eröffnete, bald operieren zu müssen. Schad äußert sich in der Bildlegende dazu wie folgt:

Da ich Interesse zeigte, schlug er mir vor, mitzukommen.
Er operierte in einer Klinik in der Nähe des Kurfürstendammes und führte mich dort als Kollegen ein. Man zog mir einen weissen Mantel über und ich konnte aus nächster Nähe das Geschehen einer Blinddarmoperation beobachten. Als nach vierzehn Minuten die Operation beendet war und wir die weissen Mäntel auszogen, sagte der Chirurg: 'So, jetzt gehen wir wieder tanzen.'
Ich ging aber nicht mit. Ich ging sofort nach Hause und begann zu skizzieren. Es war das fast mathematisch exakte Ineinandergreifen von Handlung und Handreichung, was mich fasziniert hatte, das konzentrierte lebendige Geschehen, das wortlos mit der Präzision eines Uhrwerks ablief.
Der Arzt, den nun seinerseits meine Arbeit interessierte, kam ab und zu in mein Atelier. Er brachte die Instrumente mit und gab mir Ratschläge aus der Sicht des Chirurgen. Einmal machte er mich darauf aufmerksam, dass die Farbe des Darms im meinem Bild zu fahl sei: 'Sie haben zu viel in der Anatomie gearbeite - sie müssen sich mal einen lebendigen Darm ansehen.'
Dessen wirklich rosige Farbe zeigte er mir dann bei einem Kaiserschnitt. Für den Patienten im meinem Bild stand - besser: lag- Felix Bryk mir Modell. Der Narkoseschwester gab ich das Gesicht meiner Fruendin Maika, die ich vorher in Paris als Halbakt gemalt hatte.
Für die übrigen Personen holte ich mir vom Modellmarkt der Akademie Berufsmodelle.
(Katalog, Lenbachhaus 1997, S.142).
Antonia Reichmann
[1] Christian Schad im Katalog Lenbachhaus 1997, S.29