Emil Schumacher - Retrospektive. Haus der Kunst, 08.05.-12.07.1998
Es war nie so, daß ich völlig vorstellungsfrei malte. So fühlt man sich in den frühen Bildern an Landschaft oder an irgend etwas, das da ist, erinnert.

Emil Schumacher

1912 in Hagen geboren. Vater Schlosser.
Als 14-jähriger mit dem Fahrrad nach Paris.
1932 Studium an der Kunstgewerbeschule in Dortmund (Freie Graphik).
Zahlreiche Studienreisen ins Ausland.
Lithographien, Linolschnitte im Stil der Neuen Sachlichkeit.
Vom Kriegsdienst freigestellt (Gehörleiden).
Arbeitet für einen Rüstungsbetrieb als technischer Zeichner in Hagen.
1948 bei den Gründungsmitgliedern der Vereinigung junger westen
bis 1950 bleibt sein Werk gegenständlich orientiert: Ruhrlandschaften, mythologische Themen und Stilleben.
ab 1955 Materialität der Farbe von Bedeutung.
Bilder werden nicht nur mit dem Pinsel, sondern auch mit anderem Werkzeug (Spachtel) bearbeitet.
In den folgenden Jahren internationaler Durchbruch.
Vertreten auf wichtigen nationalen und internationalen Ausstellungen:
documenta in Kassel (mehrmals), 1958 Biennale in Venedig, 1961 Hannover erste Retrospektive, 1963 Sao Paulo
1956-58 Tastobjekte: Gebilde aus Drahtgeflecht, Gips oder Pappmaché.
1957-60 Einfluß des französischen Tachismus (Wols, Dubuffet).
ab 1965 Materialien wie Papier und/oder Sisalfäden werden im Bild verarbeitet.
1988 Nationalgalerie Berlin: Späte Bilder.
1992 zum 80. Geburtstag in Saarbrücken, Nürnberg, Leverkusen, Passau u. anderen Städten Ausstellungen.
1997/98 Retrospektive Paris, Hamburg, München

emil schumacher
1998 Haus der Kunst
emil schumacher, bernhard schwenk
1998 Haus der Kunst
christoph vitali
Christoph Vitali
emil schumacher
Emil Schumacher

Eindrücke von der Münchner Ausstellung im Haus der Kunst (8. Mai bis 12. Juli 1998)

Beim Betreten der Ausstellung sind zwei Dinge auffällig: die weiten Räume und die intensiven Farben der Bilder. Man gewinnt fast den Eindruck, es sei das erste Mal, daß Rot, Blau und Gelb, die Netzhaut trifft. Mit einem Blick ist es einleuchtend, daß der Ruf des Malers Schumacher untrennbar an die Farbwirkung seiner Bilder geknüpft ist. Deswegen ist es nicht verwunderlich, daß er sie selbst herstellt und mit ihr experimentiert, Forderungen an sie stellt: wie z. B. so samten wie Schmetterlingsflügel zu wirken. Die Leuchtkraft seiner Farbe ist die eine Wirkung, die andere sind die elementaren Erfahrungen, die sie vermittelt; so erinnert das Rot an Blut, das Blau an die Tiefe des Meeres oder des Weltalls, das Ockergelb an die Wüste. Beim Betrachten kommen diese Seherfahrungen unwillkürlich dazu. Das mag daran liegen, daß es Emil Schumacher gelang, Farbe von dem Gegenstand zu befreien und sie wie Materie zu verwenden.

Das erste Nachkriegsbild in der Münchner Ausstellung ist ein "Küchenherd". Die Wohnküchen mit ihrem zentralen Gegenstand, waren der Inbegriff von allem, was den Wiederaufbau nach 1945 einleitete. Der Herd gab Wärme und Nahrung. Und etwas von diesem damaligen Nimbus besitzt Schumachers Bild. In dem hochrechteckigen Format präsentiert er sich als eine Mischung zwischen vierfüßigem Lebewesen und Altartisch. Dieser Küchenherd unterscheidet sich von den Vorkriegsbildern, die sich an die Neue Sachlichkeit anlehnen. Küchenherd (1950) besitzt keine durchkonstruierte perspektivische Darstellung. Die Gegenstände auf der Herdplatte sind teilweise in Aufsicht, teilweise frontal dargestellt. Die Räumlichkeit der Dinge ist aufgegeben zu Gunsten einer klaren Flächigkeit. Schumachers Herkunft aus der Graphik ist ablesbar an der schwarzen Umrahmung der Dinge.

In den folgenden Bildern wird die Konturierung der Dinge aufgegeben. Als Farbformen mit Gegenstandsbezug verteilen sie sich über der Bildebene bis sie bei Räumliche Trennung (1955) alle Kleinteiligkeit hinter sich lassen und als mehrteilige Farbflächen die Bildebene füllen. Dabei ist im Gegensatz zu Josef Albers, der ebenfalls mit Farbflächen arbeitet, ein evidenter Unterschied. Schumacher ist nicht nur Künstler, er ist vor dem Bild Maurer, Gipser, Metzger und Soldat. Er mauert mit der Farbe Flächen, indem er außer dem Pinsel, Kelle und Spachtel verwendet, er wirft sie an wie Schichten Mörtel an einen Bau, glättet sie teilweise wie Putz, dann aber wird sie zerstört: sie wird aufgerissen, abgekratzt, eingeritzt, gezeichnet. Dieses Phänomen hat Werner Haftmann als Versehrung bezeichnet.

Bei Kuomi (1961) ringt Schwarz und Rot, ein Streifen Weiß am rechten oberen Bildrand bringt eine dritte Kraft ins Bild. Es wird aber nicht nur auf die Farbmaterie eingewirkt. Sie selbst zeigt Reaktionen. So klumpt und tränt das Rot wie gefrorene Blutungen.
Es schliert auf Weiß wie eine Spur im Schnee in Paripa (1961).
In diesem Sinn können die Bilder von Emil Schumacher als Spiegelbilder der äußeren und inneren Befindlichkeit der Nachkriegsgeneration gelesen werden. Sie bringen die in vielfältiger Weise erlebten Wunden, Zerstörungen und Zeichnungen zum Ausdruck.

Es muß betont werden, daß bei Schumacher die Abbildung das Original nicht ersetzen kann. Die Wunden im Fleisch des Bildes werden vor dem Original als Verletzung sichtbar, teils bis auf die Knochen, was in diesem Fall der Bildgrund ist. Keine Katalogabbildung kann das wiedergeben. Im Bogen auf Rot (1967) ist die dicke Wellpappe wie durch Gewehrsalven aufgerissen, liegt der Bildgrund frei, das Ereignis durch Brandspuren gekennzeichnet. Gleichzeitig markiert dieses Bild eine Grenze mit der Neues beginnt.

Von 1955 bis 1965 ging die Komposition von einer Bildmitte aus (vgl. Sodom (1957)). Daran zeigt sich der Einfluß der französischen Tachisten auf Schumacher und seine informelle Malerei (Malerei ohne Bildgegenstand). Dann wird fortan das Bogenmotiv (vgl. B-1 (1969)) die Bildkomposition prägen, was die Abkehr des Malers vom Informel verdeutlicht. Im Bogen ist der aufrecht stehende Mensch gegenwärtig.

In Thanatos (1974) wird die Erfahrung des Blau zu einer elementaren. Der Bogen und der Bildrand sind Schwarz, gemildert durch Einsprengsel von Rosa, Braun und Weiß. Sie umgeben das in der Bildmitte sich befindende Blau. Es besitzt eine starke Sogwirkung. Das Blau als Tiefe, als Weltall - als Überwindung einer herkömmlichen Grenze - wirkt zwingend, verlockend. Ohne Raum auch nur anzudeuten, schafft Schumacher in diesm Bild ein davor und dahinter, der Bogen und der Rand sind die vordere Ebene, das so tief wirkende Blau die hintere. In Safar (1985) bezieht sich das Erlebnis auf Ockergelb.

Antonia Reichmann